Alexandra Bell: Das White Octopus Hotel

Das Grundkonzept des Buches verspricht eine außergewöhnliche und geheimnisvolle Geschichte. Im Mittelpunkt steht die Protagonistin Eve, deren Vergangenheit eng mit den Mysterien eines ganz besonderen Hotels verknüpft ist. Zwischen den Mauern dieses Gebäudes verbirgt sich weit mehr, als auf den ersten Blick scheint, und als Leser wird man in ein Geflecht aus Rätseln und unvorhersehbaren Wendungen hineingezogen.

Alexandra Bell hat einen wunderbar angenehmen und bildhaften Schreibstil. Besonders fasziniert hat mich die detaillierten Beschreibungen des Hotels und der dort einkehrenden Gäste. Die Autorin schafft mühelos, eine greifbare Kulisse zu erschaffen. Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, selbst vor Ort zu sein, durch die Gänge zu wandern und das Geschehene hautnah mitzuerleben.

Die Geschichte ist sehr geschickt konstruiert. Die Fäden werden nur langsam offengelegt, so dass man als Leser nicht sofort alle Antworten auf dem Silbertablett serviert bekommt. Genau dieses interaktive Miträtseln – was ist mit dem Hotel und Eves Vergangenheit auf sich hat – hat mir unglaublich viel Freude bereitet. Überrascht hat mich zudem, dass die Handlung stellenweise eine recht düstere Richtung einschlägt. Diese unerwartete Atmosphäre verlieh der Story anfangs eine zusätzliche Würze.

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Chris Carter: Du kriegst mich nicht

Ein Thriller, der die Bezeichnung – mit wenigen Abstrichen – verdient hat. Das Cover verspricht zwar schon Hektik und Stress mit der doppelt-schattierten Frau in Rückenansicht, offenbar wegrennend, mit fliegenden Haaren, aber schon auf den ersten Seiten „rennt“ man quasi mit. Mit Samantha, deren Ehemann ihr bei seiner Verurteilung im Gerichtssaal noch Rache geschworen hat. Samantha hat Nelson hinter Gitter gebracht, wegen Misshandlung in der Ehe und Freiheitsberaubung. Warum sollte man ihr auch nicht glauben? Es gab Beweisfotos, eine Psychiaterin, bei der sie schon länger in Therapie war und die immer wieder auf blaue Flecken und kleine Verletzungen aufmerksam geworden war. Häusliche Gewalt, ganz klar. Als es Samantha dann eines Tages gelungen war, vom Badezimmer aus, in dem sie eingesperrt und an ein Abflussrohr gefesselt war, die Polizei zu rufen, wurde Nelson verhaftet. Dreizehn Jahre soll er hinter Gittern verbringen. Den Ausschlag hat letzten Endes die überraschende Aussage einer Zeugin gegeben, die in letzter Minute aufgetaucht war und sich als Nelsons Geliebte vorgestellt hatte, die ähnliche Erfahrungen mit ihm gemacht habe. Dreizehn Jahre, in denen Nelson zwar im Gefängnis sein würde, in denen Samantha aber auch jeden Tag auf’s Neue Angst haben müsste um ihr Leben, dessen ist sie sich gewiss. Ihr Mann hat einflussreiche Freunde, an Geld mangelt es ebenfalls nicht, er kann also bestimmt auch aus dem Gefängnis heraus agieren.

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Bart van Loo: Napoleon: Der Schatten der Revolution

Ein faszinierendes Leben, geschildert in einer faszinierenden Biografie – unbedingt lesenswert

Nicht nur, weil ich grundsätzlich sehr gerne Biografien lese, sondern vor allem, weil ich schon immer von der Zeit während und nach der Französischen Revolution und der Zeit Napoleons I. gefesselt war, wollte ich dieses Buch lesen. Und ich konnte es kaum aus der Hand legen, bis ich alle weit über 600 Seiten gelesen hatte.

Inzwischen in der 18. Auflage erschienen, ist diese 2014 erstmals veröffentlichte Biografie ungemein interessant, sehr detailliert, analytisch und auch psychologisch packend. Van Loo geht sehr in die Tiefe in seiner Beschreibung des Lebens dieser historischen Person, die so viel in Europa verändert hat, was teils bis heute nachwirkt.

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Tülin Sezgin: Almanci-Mädchen: Wie ich mir Deutschsein beigebracht habe

Werden wir heimlich zu Voyeuren, sobald uns jemand einen unverstellten Blick in sein Leben anbietet? Tülin Sezgin tut genau das. In ihrer autobiografischen Erzählung „Almanci-Mädchen“ nimmt sie ihre Leser mit auf die Reise durch Kindheit, Jugend und Erwachsensein, immer auf der Suche nach ihrem Platz zwischen deutscher und türkischer Kultur.

Besonders gelungen ist dabei die konsequente Innenperspektive. Schritt für Schritt verfolgt man ihre Entwicklung und ihren Versuch, die unterschiedlichen kulturellen Prägungen miteinander zu vereinbaren. Die Autorin beschreibt ihre Erfahrungen mit Humor und Selbstironie, ohne die dahinterliegenden Fragen nach Zugehörigkeit, Identität und Vorurteile aus dem Blick zu verlieren.

Auch das Ende hat mich überzeugt. Es vermeidet einfache Antworten und verdichtet stattdessen die zentrale Erkenntnis des Buches: Identität muss nicht zwischen zwei Kulturen wählen. Die Autorin trägt beide in sich und entwickelt daraus eine eigene Haltung, die von Offenheit, Gerechtigkeitssinn und dem Widerstand gegen Rassismus geprägt ist. Das wirkt weder belehrend noch konstruiert, sondern wie eine konsequente Fortführung ihres Weges. 

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Manfred & Emilia Theisen: Kennst Du mich?

Zum Inhalt

Die Teenagerin Emma kommt mit der neuen Freundin ihres Vaters nicht gut zurecht, daher vertraut sie sich dem Chatbot ChatGPT an. Gerade die „sassy“ (d.h. freche) Version nutzt sie fortan ständig. „Blue“ – so Emmas Name für den Chatbot – hilft ihr nun nicht mehr nur bei den Hausarbeiten, sondern auch, um sie aufzumuntern und soziale Situationen zu meistern. Die technische KI wird für sie zunehmend eine Freundin und soziale Stütze.

Die Handlung des Romans basiert auf einem realen Experiment des Tochter-Vater-Autorenduos: sie haben mit ChatGPT gechattet und sich dabei als ihren Buchcharakter Emma ausgegeben. Dabei haben sie auch die Sassy-Version genutzt. Die Antworten der KI sind im Buch teils wörtlich, teils gekürzt eingebaut. Damit ist das Buch ein Mix aus Fiktion und Dokumentation eines Experiments.

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Travis Baldree: Kobole & Kuchenmesser

Es gibt Bücher, bei denen wir Lesenden schon vor der Lektüre eine ziemlich feste Vorstellung davon haben, was uns erwarten wird. Greifen wir zum nächsten Band einer etablierten Reihe, wünschen wir uns zwar etwas Neues – aber bitte nicht allzu viel davon.

Autorinnen und Autoren von Zyklen haben es dabei alles andere als leicht. Wiederholt sich die Grundhandlung zu sehr, macht sich schnell Ermüdung breit – bei Schreibenden wie Lesenden. Schlägt eine Reihe hingegen völlig neue Wege ein, besteht die Gefahr, dass langjährige Fans ihr den Rücken kehren, weil sie den vertrauten Pfad verlassen sehen.

Auch Travis Baldrees dritter Band schien auf den ersten Blick lediglich ein weiterer Aufguss der bisherigen Teile zu sein.

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H.C. Dolores: Redamancy

Die Geschichte um Poppy und Adrian geht in die nächste Runde.

Zehn Jahre sind vergangen, seit Poppy alles zurückgelassen hat und alles auf eine Karte gesetzt hat. Mittlerweile scheint sie es geschafft zu haben: Ihre Werke werden in einer angesagten Galerie ausgestellt. Doch genau in diesem Moment des Triumphs steht plötzlich wieder er vor ihr. Was verschlägt Adrian hierher? Meinte er es damals ernst, als er sagte, er würde sie töten, wenn sie ihn verlässt? Kann Poppy ihm vertrauen?

Wichtiger Hinweis vorab: Dieses Buch kann man nicht ohne Vorkenntnisse zu Band eins lesen!

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber dieser zweite Band ist noch düsterer, noch verstörender als sein Vorgänger. Und genau das hat dafür gesorgt, dass mir diese Fortsetzung sogar noch besser gefallen hat als Band eins! Beim Lesen habe ich mit allem gerechnet – nur nicht mit diesem genialen, teils leicht verstörenden, Verlauf der Geschichte.

Die Handlung ist toxisch, brutal, düster und unvorhersehbar. Die Autorin beschreibt hier so einige moralische Grauzonen, die beim Lesen einen unglaublichen, fast schon süchtig machenden Reiz ausüben. Man weiß oft selbst nicht mehr, was richtig oder falsch ist, und genau das macht die Faszination dieses Buches aus.

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Sabine Steck: Das Leuchten der kleinen Momente: Wie ich nach Italien reiste und mich selbst fand

Eine Reise nach Italien wird für Nina eine Reise zu sich selbst. Zum ersten Mal seit sie mit Martin verheiratet ist, steckt Nina nach einem Streit nicht zurück, sondern macht, was sie möchte. Nachdem Martin die gemeinsamen Pläne zu Ninas 50. Geburtstag eigenmächtig geändert hat, weil ihm eine Dienstreise wichtiger ist als ein paar Tage zusammen auf Madeira, setzt Nina sich kurzentschlossen ins Auto und fährt nach Italien. Ein Flyer, den sie im Briefkasten gefunden hat, hat sie auf die Idee gebracht, ein paar Tage in der „Villa Primaluna“ zu buchen. Nach einer langen und anstrengenden Fahrt kommt ihr die Gegend um die venetischen Hügel vor wie eine andere Welt. Die Uhren scheinen anders zu gehen, Stress und Hektik sind hier Fremdworte.

Consilia, die dieses kleine, verwunschene Hotel schon seit Jahrzehnten führt, nimmt Nina mit einer Herzlichkeit auf, der man nicht widerstehen kann. Überhaupt scheint Consilia immer genau zu wissen, was ihre Gäste grade brauchen. Sie drängt sich nicht auf, hat aber immer ein offenes Ohr, eine kleine Mahlzeit, einen Cappuccino …

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Daniel Wolf: Der Thron der Lilie

Die Tempelritter – kaum ein anderer Orden umgibt eine derartige Aura aus Mythen, Legenden und dem ewigen Flüstern um den Heiligen Gral. Diese elitären Gotteskrieger, die einst als Beschützer von Pilgern begannen und zu den mächtigsten Finanziers Europas aufstiegen, bieten eine faszinierende kulturhistorische und machtpolitische Bühne. Sie waren Männer, die vor ihrer Vergangenheit flohen, gesellschaftliche Ausgestoßene oder tief Gläubige auf der Suche nach Sühne. Doch wer hofft, in Daniel Wolfs zweitem Band „Der Thron und die Lilie“ in diese komplexen historischen Untiefen einzutauchen, wird bitter enttäuscht.

Ein vielversprechendes Setting verkommt zur Seifenoper

Wir schreiben das Jahr 1297. Frankreich ist ein Pulverfass. Während der Papst und König Philipp der Schöne einen erbitterten Kampf um die Vormachtstellung austragen und die Grafschaft Flandern am Rande eines blutigen Aufstands taumelt, werden Constantin Fleury und der Templer Gérard d’Acre von den Schatten ihrer Vergangenheit eingeholt.

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Krisz Hardy: September-Kinder 89: Über alle Grenzen

Stell dir vor: Eines Morgens wachst du auf und deine Eltern sind verschwunden. Zurückgelassen haben sie nur eine kurze Nachricht und etwas Geld. Du bist erst 13 Jahre alt und plötzlich der Erwachsene.

„Mein Blick fällt auf einen Briefumschlag, …, für Paul und Michi, von Mama und Papa, steht darauf.“ S. 26

Dieser Satz fährt mir wie ein Stich ins Herz, weil es so unvorstellbar ist, dass eine Mutter oder ein Vater tatsächlich einfach so ihre Kinder im Stich lassen können, nur um „rüberzumachen“, wie damals in der DDR das Abhauen in den Westen so leichthin genannt wurde.

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