Norbert Scheuer: Holunderholz

„Leben lässt sich nicht vollständig erzählen; es bleibt Stückwerk“, schreibt der Autor in seinem Nachwort. Und er fährt fort: „Ich bin kein Historiker. Ich erzähle Geschichten. Aber solche Ereignisse (Anm.: die Explosion des Kalvarienberges in Prüm 1949) … verschwinden nicht. Sie wirken fort, verändern Haltungen, kehren in anderer Gestalt zurück. Vielleicht erklärt sich daraus meine Aufmerksamkeit für das Fragmentarische … für das Schweigen zwischen den bekannten Fakten.“

Holunderholz – was für ein schönes Wort! Und nicht nur das: Aus dem harten Holz des Holunderbaumes lässt sich eine Flöte schnitzen: „Wenn man hineinbläst, klingt es nicht wie ein Instrument. Es klingt eher, als würde etwas antworten.“ Es ist ein Mädchen, eine junge Frau, kaum der Sprache mächtig, die auf dem Hollerholz ihre Version der Geschichte lebendig werden lässt.

Der seit vielen Jahren bekannte Autor aus der Eifel, Norbert Scheuer, erzählt in seinem neuen, seinem elften Roman –  nach dem mit dem Wilhelm-Raabe-Preis geehrten und für den Deutschen Buchpreis vorgeschlagenen „Winterbienen“ (2019)  – eine Geschichte, wie er sie eben erzählen kann. Auf direktem Wege geht es nicht.

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Michael Römling: Berengar: Ich bin Barbarossas Klinge

Mit dem jungen Kämpfer Berengar hat Michael Römling jetzt nach „Tankred“ einen weiteren Helden geschaffen, der sich sicher schon im ersten Band der Reihe eine Anhängerschaft gesichert hat.

Als zweitgeborener Sohn eines Ministerialen – unfreie Verwaltungsbeamte, Ritter oder Diener, die im Laufe der Zeit Macht, Besitz und Ansehen erworben hatten – von Herzog Heinrich dem Löwen hat Berengar wenig Aussicht auf die Übernahme der väterlichen Güter nach dessen Tod. Er wird deshalb von seinem Vater nach Köln geschickt, wo er an der Stiftsschule eine Ausbildung zusammen mit Adligen und Söhnen von Edelleuten genießt. Der plötzliche Tod seines älteren Bruders Boso verändert alles. Berengar wird zurückbeordert ins Weserland, wo sein Vater angesehener und wohlhabender Herr der Farnburg ist. Berengar, der jetzt Erbe des Familienbesitzes ist, muss allerdings auf Wunsch seines Vaters zunächst beweisen, dass er des zukünftigen Erbes würdig ist. So kommt es, dass der junge Berengar, gemeinsam mit seinen Freunden das Heer Friedrich Barbarossas auf dem Weg zur Kaiserkrönung in Italien begleiten soll. Berengar genießt nicht nur die Freundschaft und das Vertrauen Heinrichs des Löwen, er wird auch bald zu einem wichtigen Berater und Vertrauten von Friedrich, dessen Weg nach Rom gezeichnet ist von immer wiederkehrenden Kämpfen und Kriegen. Berengar, dessen verstorbene Mutter aus Parma stammt, spricht einigermaßen fließend italienisch und wird deshalb als Übersetzer bei Verhandlungen, aber auch als Spion eingesetzt, was ihn mehr als einmal in arge Bedrängnis bringt. Auf seine Mitstreiter und besten Freunde ist allerdings Verlass. Sie lassen Berengar nicht im Stich.

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Martha Baillie: Besondere Vorkommnisse

Miriam Gordon soll eigentlich nur Zwischenfälle notieren. Wer hat in der Bibliothek randaliert? Wer hat gestört? Wer fiel auf? Doch was die 35-jährige Angestellte einer öffentlichen Bibliothek in Toronto in Martha Baillies Roman „Besondere Vorkommnisse“ zu Papier bringt, ist weit mehr als Dienstprotokoll und Aktennotiz.

Aus 144 kurzen Berichten setzt sich dieser ungewöhnliche Roman zusammen. Sie wirken mal wie Beobachtungen aus dem Arbeitsalltag, mal wie poetische Miniaturen, mal wie Splitter einer verletzten Biografie. Miriam schreibt über die Menschen, die in die Bibliothek kommen: Einsame, Suchende, Verlorene, Sonderlinge. Zugleich schreibt sie, oft nur angedeutet, über sich selbst. So wird die Bibliothek zum Ort, an dem öffentliche Ordnung und private Unordnung direkt nebeneinanderstehen.

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Natalie Labarre und Gosia Herba: Penicillin und andere unglaubliche Missgeschicke, von denen du (wahrscheinlich) noch nie gehört hast 

Dieses Buch steckt voller Missgeschicke und Überraschungen, denn Fehler gehören ebenso zum Leben wie Erfolge. Vor allem muss sich niemand über Missgeschicke ärgern oder schämen.

Hier erfahren kleine und große LeserInnen von vielen Fehlern, aus denen sogar geniale Erfindungen resultierten. Manche dieser Fehler, die einst gemacht wurden, können heute sogar Leben retten, wie das Medikament Penicillin, um das es unter anderem geht. Weiter lesen wir, wie durch Fehler in der Küche unter anderem Kartoffelchips entstanden oder wie der elfjährige Frank das Eis am Stiel erfand. Es geht aber auch um musikalische Missgeschicke, um Fehler in der Kunst, um wertvolle und teure Fehler. Wir erfahren von Ideen, die schiefgingen, wie dem ersten Flugversuch. Weiter, wie aus einem missglückten Experiment das erste Streichholz entstand, oder wie der Klettverschluss und wie Klebezettel erfunden wurden. Die Liste der unglaublichen Erfindungen ist lang. Die Erläuterungen dazu lassen staunen und lesen sich humorvoll.

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Fredrik Backman: Freunde fürs Leben

„Freunde fürs Leben“ ist ein Roman, der sich nicht damit begnügt, eine Geschichte zu erzählen. Fredrik Backman versucht, ein Lebensgefühl einzufangen: jene Sommer der Jugend, die endlos wirkten, das Lachen mit Freunden, das damals selbstverständlich schien und später zu etwas wird, dem man ein Leben lang nachspürt. Für mich war die Lektüre gleichermaßen berührend und herausfordernd. 

Im Zentrum stehen vier junge Menschen an einem Wendepunkt ihres Lebens. Es geht um Freundschaft, Zugehörigkeit, Selbstfindung und die Frage, wie sehr Herkunft, Erwartungen und gesellschaftliche Umstände unsere Zukunft prägen. Obwohl der Roman im Sommer spielt, ist er keine leichte Sommerlektüre. Vielmehr ist er eine Zeitreise zurück in jene Jahre, in denen alles möglich schien und sich gleichzeitig die ersten Grenzen und Abgründe auftaten. Die Handlung bewegt sich dabei auch ganz real durch verschiedene Orte und erhält dadurch den Charakter eines Roadtrips, der jedoch vor allem eine Reise zu sich selbst ist.

Typisch für Backman ist der Tonfall: emotional, manchmal schmerzhaft ehrlich, aber immer wieder durchzogen von Witz und Wärme. Gerade diese Mischung macht einen großen Teil seiner Wirkung aus. Besonders gelungen fand ich auch den Blick nach innen. Wie denken Jugendliche über die Welt? Was nehmen sie wahr, das Erwachsene längst übersehen? Welche Hoffnungen, Ängste und Verletzungen tragen sie mit sich herum? Backman nähert sich diesen Fragen mit Empathie und Ernsthaftigkeit. Seine Figuren fühlen sich an wie Menschen, die man gekannt haben könnte. 

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Elsemarie Maletzke: Das Leben der Schwestern Brontë

Einsam, trist – ein sehr bescheidenes Leben und doch so voll Fantasie

In diesem schon Ende der 90er Jahre erstmals erschienenen Buch beleuchtet Elsemarie Maletzke – deren Biografie über Jane Austen ich begeistert verschlungen habe – das Leben der drei Damen Charlotte, Emily und Anne Brontë.

Ihre Werke sind allseits bekannt, wurden immer wieder neu verlegt und oft verfilmt. Charlottes „Jane Eyre“, Emilys „Sturmhöhe“ und Annes „Die Herrin von Wildfell Hall“ gelten heute als Weltliteratur. Veröffentlicht haben die drei Frauen ihre Bücher unter männlichen Pseudonymen, wie so oft üblich zu jener Zeit im 19. Jahrhundert.

Charlotte war das dritte Mädchen, aber insgesamt das vierte Kind der Familie (nach Maria, Elizabeth und Branwell). Die beiden älteren Schwestern sterben früh, so dass sie nun die Rolle der Ältesten einnimmt. Doch der Altersunterschied zu den beiden Schwestern und dem einzigen Bruder Branwell ist nicht groß. Die Mutter stirbt früh und die Tante übernimmt das Regiment.

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Alexandra Moody: Grumpy darling

Im zweiten Band dieser Reihe lernen wir den berüchtigten Eishockeyspieler Greyson Darling und seine beste Freundin Paige kennen. Paige hat eine klare Mission: Sie möchte vor ihrem Abschlussball eine ganz besondere Liste abarbeiten. Ganz oben auf ihrer Agenda steht der Wunsch, endlich von jemandem geküsst zu werden. Da Greyson bei den Ransom Devils jedoch einen einschüchternden Ruf genießt, traut sich kaum ein Mann in Paiges Nähe. Kurzerhand bittet sie ihren besten Freund um Schützenhilfe für ihr Dating-Leben. Was Paige nicht ahnt: Greyson ist schon seit Jahren heimlich in sie verliebt.

Der Schreibstil ist wunderbar locker und leicht, wodurch man förmlich durch die Seiten fliegt. Das Buch nimmt den Leser mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt, bietet aber gleichzeitig viele humorvolle Szenen, die perfekt zu den Charakteren passen. Diese lustigen Momente lockern die Handlung immer genau im richtigen Moment auf. Man fühlt sich beim Lesen einfach rundum wohl.

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Markus Orths Sarah Garbers: King Karnickel: Die Suche nach dem Druftenschaf

King Karnickel, der 27. seiner Art, ist ein ganz besonderer König: Ein Kaninchen-König eben, mit langen Ohren, klein und pfiffig, und Herrscher über das Land Vergissmeinnicht. Warum das Land so heißt, hat er leider vergessen, aber das ist nicht weiter schlimm – er kennt eigentlich weder sein Land noch seine Untertanen. Er nimmt aber mal an, dass er welche hat.

Eigentlich heißt er auch nicht King Karnickel, sondern hat eine ganze Menge sonderbarer Vornamen, die sich kein Mensch merken kann. Deshalb heißt er einfach „King Karnickel“. Er lebt mit seinem Butler Lothar, einem Kuschelhuhn, in seinem wunderbaren Schloss und hat nicht viel zu tun, wie er selbst sagt. Jeden Morgen muss er seinen Butler wecken, sie machen gemeinsam das immer gleiche Frühstück und regieren ein paar Minuten. Das bedeutet, dass sie feststellen, sich in keinem Krieg zu befinden und dass die Untertanen wohl glücklich sind. Danach haben sie Zeit zu spielen – in einem riesigen Spielzimmer, jeden Tag mit anderen Spielsachen, bis sie eines Tages kein neues Spielzeug mehr haben.

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Stephan Thome: Besser als nie

Der deutsche Schriftsteller Stephan Thome wurde 1972 im hessischen Biedenkopf geboren. Heute lebt und arbeitet er in Taipeh (Taiwan).
2009 erschien sein Romandebüt „Grenzgang“ über das real existierende Heimatfest in seiner Geburtsstadt Biedenkopf, die in dem Buch „Bergenstadt“ heißt. Der „Grenzgang“ ist ein jahrhundertealtes Ritual, bei dem ursprünglich die Stadtgrenzen von Biedenkopf kontrolliert wurden.
Der Roman „Grenzgang“ wurde 2013 unter der Regie von Brigitte Maria Bertele verfilmt und gewann den Grimme-Preis. Die Hauptfiguren Thomas Weidmann und Kerstin Werner wurden in dem Film von Lars Eidinger und Claudia Michelsen gespielt.
Am 21. Juli 2026 erschien der neue Roman von Stephan Thome „Besser als nie“ im Suhrkamp Verlag.

Endlich ist wieder „Grenzgang“ in Bergenstadt

Stephan Thome führt die Lesenden von „Besser als nie“ nach siebzehn Jahren wieder an den Schauplatz seines ersten Romans nach Bergenstadt, wo nach neunjähriger (statt siebenjähriger) Pause wegen der Corona-Pandemie endlich wieder der traditionelle „Grenzgang“ stattfinden soll.
Und plötzlich steht die Tradition des Festes in der Diskussion: Linda Preiss, die Schulsozialarbeiterin, hat angeboten, als Reiterin beim Aufmarsch der Gesellschaften auszuhelfen. Und das in der absoluten Männerdomäne. Und dann ist da noch die Figur des „Mohren“, die von den Medien kritisch beleuchtet wird. 

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Arno Geiger: Reise nach Laredo

Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und König Spaniens, trat 1556 von allen Ämtern zurück und vergrub sich, schwerkrank, fettleibig bis zur Bewegungsunfähigkeit, im Kloster Yuste in der Extremadura. Soweit der historische Hintergrund.

Geigers Erzählung beginnt 1558. Karl ist mürrisch, seiner vielköpfigen Dienerschaft überdrüssig, langweilt sich zu Tode und fragt sich, was er eigentlich noch darstellt. Er war einer der mächtigsten Herrscher der Geschichte, aber was hat er erreicht in einer Zeit der großen Umwälzungen? Eines Tages begibt er sich aus einer Laune heraus mit dem elfjährigen Geronimo, einem unehelichen Sohn (der das allerdings nicht weiß), auf eine Reise ins nordspanische Laredo.

Was dann folgt, ist vieles: Historienroman, Geigers Version des Don Quichotte (Geronimo reitet ein Pferd, Karl einen Maulesel), eine Abenteuergeschichte, eine Road Novel, ein philosophisches Gedankenspiel. Und wie sich später herausstellt: ein Fiebertraum. Der alte Kaiser schießt und rauft, frisst und säuft und verspielt sein ganzes Geld. Er rettet nicht nur Honza und Angelita, zwei Cagots, vor einem blutdürstigen Mob, die dann zu seinen Weggefährten werden (Cagots waren jahrhundertelang eine verfolgte, diskriminierte Minderheit; Karl selbst hatte in seiner Regierungszeit die Gesetze zur Benachteiligung der Cagots abgeschafft). Sie befreien sogar einen waschechten Greifen, ein Fabelwesen, das Karl in Wirklichkeit nur auf einem Wandteppich im Kloster sieht.

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