„Oma Jever“ ist kein Roman für Ungeduldige. Gerhard Henschel rekonstruiert darin das Leben einer deutschen Familie vom Nationalsozialismus bis in die Bundesrepublik der 1990er Jahre – und tut das auf eine Weise, die so eigensinnig wie herausfordernd ist. Der Text besteht größtenteils aus einer langen Aneinanderreihung von Briefen, die das Alltagsleben der Titelfigur, der Großmutter des Erzählers, in seiner ganzen ungekürzten Banalität dokumentieren.
Das ist sowohl das Programm als auch das Problem. Henschel setzt auf akribische Detailgenauigkeit: Familienfeiern, kleine Konflikte, Routinen, Gewohnheiten. Große historische Ereignisse tauchen auf, aber stets gebrochen durch die Perspektive von Menschen, die einfach weiterleben. Dieses dokumentarische Verfahren hat durchaus Kraft – wer sich für Alltagsgeschichte interessiert, findet hier ein präzise eingefangenes Zeitbild, dessen Figuren glaubwürdig und oft liebevoll-ironisch gezeichnet sind.
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